Direkt zum Seiteninhalt springen

von

Von Annette Lein
Schon gesehen? Louis Blériot kauert nervös in seinem Flugzeug, mit dem er 1909 als erster den Ärmelkanal überquerte, Käthchen Paulus, die erste weibliche Ballonfahrerin, grüßt in der Gondel eines Ballons, aus der sie tollkühn mit dem Fallschirm abspringen musste –  eine Landung war damals noch nicht möglich. In der Luftfahrthalle sind viele Fluggeräte mittlerweile mit Figuren ausgestattet, die in der Bildhauerwerkstatt des Museums konzipiert und gefertigt werden. Sie erzählen den Besuchern etwas über die Objekte und machen sie anschaulicher. Gefertigt sind sie aus weißem Gips, um nicht zu sehr von den originalen Fluggeräten abzulenken. Dieser Tage ist die Besatzung aus Pilot und Co-Pilot in das Cockpit der Junkers F13 eingezogen. Die Junkers F 13 stellt das erste serienmäßig gebaute Verkehrsflugzeug in Metallbauweise dar, bis dahin wurde Holz verwendet.  Vier Passagiere hatten Platz in der geschlossenen und heizbaren Kabine, nur Pilot und Kopilot saßen im Freien. Man glaubte damals noch, zum sicheren Fliegen den Fahrtwind hören und spüren zu müssen. Mit Pelzkragen, Fliegerhaube und Fliegerbrille sitzen die beiden weißen Figuren da - und vermitteln den Eindruck von Wagemut und Kühnheit! Wie entsteht eine Figur, die historisch korrekt ist, ins originale Objekt passt (Achtung eng!) und dann noch ausdrucksvoll wirkt? Wir werfen einen Blick auf zwei Arbeitsplätze und Arbeitstage im Museum: das Büro des Kurators und die Werkstatt der Bildhauerin.
Hans Holzer ist seit 37 Jahren Kurator für Luftfahrt, Schwerpunkt historische Luftfahrt bis 1945 und kennt die Fluggeräte in den Ausstellungen und die Objekte im Depot wie kein anderer. Zu diesem geballten Fachwissen kommen seine umfassenden luftfahrthistorischen Kenntnisse und ein reicher Schatz an Geschichten rund um Fluggeräte und Pioniere. Sein typischer Arbeitstag umfasst Recherche: für die F13 hat er unter anderem im Archiv des Deutschen Museums den Nachlass des Piloten Hermann Nein recherchiert, der in den 1920er Jahren eine Junkers F-13 flog. Neins fliegerischer Nachlass, unter anderem seine Original-Fliegerausrüstung und Fotografien, wurden dem Deutschen Museum von seiner Witwe vermacht. Hans Holzer bekommt außerdem viele Anfragen zu Objekten des Museums, Angebote für Objekte oder Anfragen, zu denen sein Expertenwissen gefragt ist. Heute recherchiert er ein unbekanntes (fliegendes) Objekt, und hat schon herausgefunden, dass es zur Steuerung der Fokker D VII gehört. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Sanierung des Ausstellungsbereiches historische Luftfahrt im Rahmen der Zukunftsinitiative. 
Sabine Köhl hat Holzbildhauerin in Berchtesgaden gelernt und Kunst an der Akademie der bildenden Künste in Nürnberg studiert. Sie schätzt das Handwerkliche der Arbeit im Museum und legt großen Wert auf die Freiheit in der Konzeption, in der durch plastische Darstellungen Technik und Naturwissenschaft visualisiert werden. Auch an einem ihrer typischen Arbeitstag geht es um Recherche - wissenschaftliches Material bekommt sie vom Kurator. Im Fall der Figuren für die historische Luftfahrt schafft sie sich Geschichten und Gesichter dazu, wählt genau das Foto von Louis Blériot als Vorlage aus, dass das Risiko des Flugs ausdrückt. Setzt plastisch um, dass der Mann sein Unternehmen, sein gesamtes Vermögen, das Vermögen seiner Frau und sein Leben aufs Spiel setzt, um als erster den Ärmelkanal zu überfliegen. Mit einer Idee und den Maßen des Fluggerätes im Kopf formt sie aus Draht und Gips kleine Modelle nach den historischen und wissenschaftlichen Vorgaben. Dann entstehen Figuren, die leichten aus Hasendraht, die schweren aus Stahlgerüsten, darauf Rupfen, dann Gips. Der Gips muss für manche Arbeitsschritte fest wie eine Sahnetorte, manchmal flüssig wie Trinkjoghurt sein. Er wird geschnitten, geformt und gefeilt, manchmal auch mit dem Beil bearbeitet. Bis zu 14 Tage braucht sie für einen Torso, wie er in der Junkers eingebaut ist. Heute arbeitet sie an einem neuen Modell für die Elektronik-Ausstellung: das Moore'sche Gesetz wird als Netz dargestellt, das im Verlauf der Zeit immer dichter und reichhaltiger wird, so wie sich die Transistoren verkleinern und die darauf gespeicherten Informationen vervielfachen.
In der Ausstellung setzt Sabine Köhl die Piloten ins Cockpit. Dazu muss sie – für uns heute abenteuerlich – das Flugzeug so besteigen, wie es die Piloten damals taten - über kleine Stufen am rechten Flügel. Fertig! Nun können Sie beim nächsten Besuch die Besatzung der Junkers betrachten.
  • Mehr zur Ausstellung Historische Luftfahrt
  • Mehr zur Junkers F 13 auf den Sammlungsseiten

Nachtrag

Hans Holzer ist selbst in der Ausstellung verewigt.... zu seiner Überraschung hat Sabine Köhl einen Ballonfahrer nach seinem Vorbild modelliert. 

Autor/in

Open_Roberta

Annette Lein

leitet das digitale Redaktionsteam am Deutschen Museum. Alle Neuigkeiten tickern durch das Redaktionssystem auf ihren Bildschirm. Als Germanistin und Theaterwissenschaftlerin erzählt sie im Blog gerne von den Geschichten und Menschen, die das Deutsche Museum zu dem machen, was es ist. Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: In der Ausstellung Meeresforschung die Tauchkugel Trieste ansehen und sich dabei vorstellen, wie sich Jaques Piccard in dieser dickwandigen Kugel gut 11 km zur tiefsten Stelle des Ozeans hat herabsinken lassen. Der Schweizer Forscher hat dabei einen Plattfisch entdeckte - ja, es gibt Leben in der Tiefsee!