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Von Melanie Jahreis
Noch drei Mal schlafen, dann ist es soweit. Der bärtige Weihnachtsmann wird Millionen Herzen erfreuen. Ob Vollbart, Rauschebart oder Haartracht – wie man es nennen mag – Santa Claus wäre „ohne“ Bart nicht mehr derselbe.
Gesichtsbehaarung gibt es wohl schon so lange, wie es Menschen gibt. In früheren Zeiten war der Bart ein Ausdruck von Kraft, ein Symbol der Männlichkeit und oft mit religiösen Komponenten behaftet. Daher entwickelte sich in unterschiedlichen Epochen und Kulturkreisen ein regelrechter Kult um die Behaarung oder die Nichtbehaarung des Mannes. Heute ist der Bart sowohl ein Ausdruck von Individualität als auch eine bestimmte Form der Mode. Und er ist hipper denn je: über die Hälfte aller europäischen Männer tragen ihn, am liebsten den Drei-Tage-Bart. Er wächst schnell und er fällt auf.
So bringen Europäer zu Beginn des 19. Jahrhundert mit ihrer Gesichtsbehaarung ihre politische Haltung zum Ausdruck. Besonders in Großbritannien wird der Schnurrbart von 1860 bis 1916 das optische Aushängeschild für britische Soldaten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird der Schnauzbart durch das britische Königshaus auch in hochadeligen Kreisen außerhalb des Militärs populär. Alle Gesellschaftskreise greifen den Bart nun in unterschiedlichen Formen unabhängig von politischen Haltungen auf und auch der Vollbart wird endlich salonfähig.
Diese Bartbewegung stellt ihre Träger vor eine große Herausforderung: Insbesondere die mit Wachs in Form gebrachten Schnurrbärte machen den Genuss von frisch gebrühtem Kaffee schier unmöglich. Der heiße Dampf lässt das Wachs direkt vom Bart in die Tasse tropfen. Daher macht der englische Töpfer Harvey Adams im Jahr 1860 eine ungewöhnliche Erfindung. In seiner eigenen Porzellanfabrik stellt er eine spezielle Tasse für den bärtigen Mann her. Die Tasse besitzt einen kleinen Einsatz, den sogenannten Bartschutz, der mit einer halbkreisförmigen Öffnung zur Seite der Tasse versehen ist. Der Schnauzbart wird beim Trinken des Kaffees auf dem Einsatz abgelegt. Durch diese Barriere kann das Bartwachs oder die Pomade nicht in das Heißgetränk gelangen und der feine Kaffee findet ohne Berührung des Barts durch die kleine Öffnung den Weg in den Mund des Genießers. Die Erfindung der Barttasse verbreitete sich erfolgreich in ganz Europa. Bald werden sogar in Amerika Barttassen hergestellt. Versehen mit einem Namen oder einem Spruch, sind sie heißbegehrte Geschenke zu Geburtstagen, Hochzeiten oder gar zu Weihnachten. Oft werden die handgefertigten Tassen auch am Rand, Henkel oder Bartschutz vergoldet.
Doch der Glanz des Bartes findet in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein jähes Ende. In Anlehnung an die Keimtheorie von Louis Pasteur und nach unterschiedlichen medizinischen Studien wird der Bart als Übertragungsherd von Krankheiten gesehen. Die Glattrasur wird zum neuen Standard und die Geschichtsbehaarung nur noch vereinzelt getragen. Damit verliert Rauschebart, Vollbart und Schnurrbart an Bedeutung und die Herstellung der Barttassen wird um 1920 eingestellt. Erst durch das Wiederaufleben der Bärte im 21. Jahrhundert sind die historischen Barttassen heute begehrter als jemals zuvor.
„Drei, zwei, eins – meins“ – juhu! Ich freue mich wahnsinnig, denn ich habe eine dieser prunkvollen Barttassen für unsere neue Sonderausstellung Kosmos Kaffee ersteigert! Wenn das mal kein originelles Weihnachtsgeschenk ist… In diesem Sinne: „Frohe Festtage und viel Erfolg im neuen Jahr!“
Tipp: Die Sonderausstellung Kosmos Kaffee ist ab Juli 2019 auf der Museumsinsel zu sehen. Weiterlesen: Die kleinen mikroskopischen Wunder des Kaffees
Melanie Jahreis ist wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Sonderausstellung Kosmos Kaffee. Die Biologin beschäftigt sich neben den ökologischen und biologischen Herausforderungen rund um den Kaffee auch mit den kulturellen Aspekten des Getränkes.
Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum:
Ich empfehle im Winter den Besuch unserer Starkstromtechnik. Das Ausstellungspersonal heizt mit ihrer explosiven Vorführung des Faradayschen Käfigs richtig ein. Und wem danach noch immer kalt ist, der sollte sich auf das Fahrrad in der Energietechnik schwingen und das Wasser zum Kochen bringen.

Autor/in

Gastblogger

Immer wieder schreiben Gäste im Blog - Informationen zu diesen Autorinnen und Autoren finden sich im jeweiligen Beitrag. Als Gastblogger schrieben in letzter Zeit: <link 12873 - internal-link-new-window "Opens internal link in new window">Jutta Schlögl</link> war als Physik-Ingenieurin im Bereich Technische Entwicklung tätig und ist seit 2007 wissenschaftliche Mitarbeiterin des Deutschen Museums. Sie leitet das Projekt Experimentier-Werkstatt.Dorothea Föcking ist Hamburger Abiturientin und macht ein zweimonatiges Praktikum im Vorbereitungsteam der Sonderausstellung "Anthropozän". Ihr Tipp für einen Besuch im Deutschen Museum: Bei einem Museumsbesuch sollte man unbedingt Halt in der <link 81 - more>Pharmazie-Ausstellung</link> machen, um in das Innere der riesigen, gemütlichen Zellnachbildung zu schauen.